Hallo, schön, dass du wieder dabei bist. In dieser Folge geht es um Jod. Und zwar deshalb, weil mich das Thema in den letzten Monaten gefühlt jede zweite Woche erreicht. Mal über eine Kundin, mal über eine Nachricht, mal über Social Media. Aktuell schwirren da zwei Meldungen herum, die nicht gegensätzlicher sein könnten.
Auf der einen Seite hat die Deutsche Gesellschaft für Ernährung Ende 2025 die Jodreferenzwerte gesenkt. Auf der anderen Seite trinken Menschen auf Social Media Lugolsche Lösung aus der Pipette, um ihre Schilddrüse zu boosten. Also das eine senkt offiziell und das andere dosiert privat völlig über. Und genau dazwischen stehen dann viele Frauen mit Hashimoto oder Schilddrüsenunterfunktion und wissen nicht mehr, was richtig ist.
Ich nehme dich in dieser Folge einfach mal mit durch beide Meldungen und meine Gedanken dazu. Und dann sprechen wir kurz, aber wichtig, über Männer, weil Jod nicht nur Frauensache ist. Und ich denke, wir gehen auch noch mit einem kleinen Blick nach Asien und am Ende sprechen wir mal über den grünen Bereich auf deinem Laborzettel, der dir deutlich weniger Sicherheit gibt, als du denkst.
Lugolsche Lösung: Ein Wundermittel mit Risiken
Starten wir mal mit der Lugolschen Lösung. Die ist ja jetzt nichts Neues. Sie wurde im 19. Jahrhundert entwickelt und ist eine Mischung aus Jod und Kaliumiodid. Sie wird in der Medizin tatsächlich eingesetzt, zum Beispiel bei akuter Jodblockade in Notfallsituationen. Das heißt, sie ist hochdosiert. Ein einziger Tropfen enthält ein Vielfaches dessen, was du am Tag brauchst.
Auf Social Media wird sie mal wieder, muss man ganz klar sagen, als kleines Wundermittel verkauft – für mehr Energie, für Schilddrüse, gegen alles, was sich irgendwie nach Hormonchaos anhört. Es gibt Videos, in denen sich Menschen Tropfen auf die Haut malen und behaupten, je schneller das Jod einzieht, desto größer der Mangel.
Das ist medizinisch tatsächlich nicht haltbar. Da habe ich auch schon einen Artikel mal drüber geschrieben. Und die Schweizer Arzneimittelbehörde Swissmedic hat dazu sogar mal eine deutliche Warnung herausgegeben, was diesen Hype an, ja, einfach mal Lugolsche Lösung trinken angeht. Warum ist das so heikel?
Weil ein großer Teil der Bevölkerung letztlich gar nicht weiß, was die eigene Schilddrüse überhaupt macht. Schilddrüsenautonomie zum Beispiel, also einzelne heiße Knoten, die selbstständig Hormone produzieren. Da reicht oft schon eine einzige Hochdosis Jod, um eine echte Überfunktion auszulösen. Und wer Hashimoto hat, der weiß vielleicht: starke Schwankungen sind einer der größten Trigger für die Antikörper.
Du machst also das Gegenteil dessen, was deine Schilddrüse gerade braucht.
Und da auch schon meine erste wichtige Erfahrung aus der Praxis: Viel hilft selten viel. Ich möchte nicht nie sagen, aber selten auf jeden Fall. Beim Jod allerdings ganz besonders nicht. Dein Körper mag keine Sprünge, er mag Stetigkeit. Eine sanfte, passende Versorgung über Wochen und Monate bringt dich weiter als die große Pipette, die du dir aus dem Internet bestellt hast.
Jod und die Männergesundheit: Ein oft vergessenes Thema
Und damit lass uns über etwas sprechen, das oft komplett unter den Tisch fällt. Ich war neulich auf einer Fortbildung. Ich bin ja ständig auf Fortbildung und dort wurde ein Fall vorgestellt, der genau das wieder zeigt. Ein Mann, mittleres Alter, starke Prostatabeschwerden, die sich über die Jahre verschlimmert haben.
Im Labor zeigte sich unter anderem ein deutlicher Jod- und Selenmangel. Über zwei Jahre wurde behutsam substituiert. Die Beschwerden sind heute weg. Das bringt uns auch direkt zum nächsten Punkt. Wenn du ein Mann bist, hör gut zu. Wenn du kein Mann bist, dann erzähle es einem Mann. Wenn wir über Jod reden, reden wir fast immer über die Schilddrüse.
Logisch, sie ist der größte Jodspeicher im Körper. Sie kann bis zu vierzig Milligramm Jod speichern. Aber der Körper speichert insgesamt etwa fünfzig Milligramm. Das heißt, ein nicht unerheblicher Teil sitzt woanders, konkret in der Brust, in den Eierstöcken, im Magen, in den Speicheldrüsen und bei Männern in der Prostata.
Die Prostata ist eine Drüse. Sie braucht Jod genauso wie sie Selen braucht. In vielen Ländern, in denen mehr Jod aufgenommen wird als bei uns, also vor allem in Japan und Korea, sind die Raten an Prostatakrebs deutlich niedriger. Es gibt Studien, die zeigen, dass Jod im Prostatagewebe oxidativen Stress reduziert, Entzündungen bremst und das überschießende Wachstum verlangsamt.
Das ist keine Garantie, das ist keine Heilung. Aber das ist ein Hinweis darauf, dass Jod ein Thema für den ganzen Körper ist. Auch für die männlichen Hörer, die mitten in dieser Folge denken: „Was hat das eigentlich alles mit mir zu tun?“ Sehr viel. Also, wenn du einen Vater hast, einen Partner, einen Bruder, dann ist diese Folge auch für ihn.
Schick sie also weiter.
Jodversorgung in Asien: Was wir lernen können
Kommen wir dazu, was wir aus dem asiatischen Raum lernen können und was nicht, denn wir haben ja gerade schon etwas aus diesem Bereich reingeworfen. In Japan und Korea nehmen Menschen im Schnitt zwischen einem und drei Milligramm Jod pro Tag auf. Zum Vergleich: Die Empfehlung liegt bei hundertfünfzig Mikrogramm.
Das ist also das Fünf- bis Fünfzehnfache. Etwa drei Viertel davon kommen aus Seetang. Fünf bis acht Gramm Algen pro Tag sind dort normal und auch die offiziellen Obergrenzen liegen ganz anders.
Bei uns in Deutschland gilt eine tolerable Tageshöchstmenge von fünfhundert Mikrogramm. In Japan sind es dreitausend, in Korea zweitausendvierhundert. Auffällig ist, dass die Schilddrüsenerkrankung, der Brustkrebs und auch der Prostatakrebs in diesen Ländern deutlich seltener sind als bei uns. Und genauso auffällig ist, dass diese Zahlen steigen, sobald sich Menschen westernisiert haben.
Also sie ernähren sich quasi wie bei uns. Weniger Fisch, weniger Algen. Aber, und das ist mir wichtig, ich erzähl dir das nicht, damit du jetzt zum nächsten Algenregal rennst. Es ist nicht nur das Jod, es ist natürlich das Gesamtpaket. Es ist Omega-3 aus dem Fisch, es sind sekundäre Pflanzenstoffe aus dem grünen Tee, es ist Selen, es ist der gesamte Lebensstil.
Eine einzelne Stellschraube macht niemals den Unterschied. Das ganze Bild macht immer den Unterschied.
Zu der Ernährung der Japaner gibt es mehrere wissenschaftliche Studien, die wirklich aufschlussreich sind.
DGE Referenzwerte Jod: Warum der grüne Bereich dich in die Irre führen kann
So, und die DGE, die hat die Normwerte gesenkt, aber dieser grüne Bereich kann dich trotzdem in die Irre führen. Das ist ja der zweite Auslöser für die Folge. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung hat Ende 2025 ihre Referenzwerte für Jod nach unten korrigiert.
Erwachsene sollen jetzt hundertfünfzig Mikrogramm Jod am Tag aufnehmen, Schwangere zweihundertzwanzig, Stillende zweihundertdreißig. Davor lagen diese Werte höher. Mein Punkt ist jetzt gar nicht, ob diese Zahlen richtig oder falsch sind. Mein Punkt ist das, was Menschen aus diesen Zahlen machen.
Wenn du heute deinen Jodwert messen lässt und dein Ergebnis im Referenzbereich liegt, dann denkst du: „Alles gut.“ Und genau hier liegt der Trugschluss. Referenzwerte sind Populationsstatistik. Sie sagen dir, was bei vielen Menschen vorkommt. Sie sagen dir nicht, was für deinen Körper richtig ist. Und je kränker eine Gesellschaft, desto durchschnittlicher die Werte.
Das ist auch der Grund, warum kontinuierlich nach unten gesenkt wird. Das beobachte ich bei ganz vielen Werten seit Jahren. Das heißt im Klartext: Der grüne Bereich auf deinem Laborzettel garantiert dir nichts. Das ist die zweite wichtige Erfahrung aus der Praxis. Diese offiziellen Werte sind nicht individuell.
Was bei der einen Frau passt, ist bei der nächsten zu wenig und für die dritte ist es zu viel. Vor allem, wenn dann Hashimoto ins Spiel kommt oder eine autonome Knotenbildung, von der jemand vielleicht gar nicht weiß. Und für die eine Frau kann genau derselbe Bereich, der bei einer anderen Frau unauffällig ist, schon ein Problem sein.
Dazu kommt, dass ein Wert ohne dein Befinden, deine Situation, ohne die wesentlichen Begleitwerte einfach nur eine Zahl ist, eine Momentaufnahme, aber kein Bild. Und schon gar kein Freibrief, jetzt loszulegen mit Algenkapseln oder Lugol-Tropfen. Werte sind ein Hinweis, nie eine Wahrheit.
Jod ist ein Teamplayer: Die Rolle der Begleitnährstoffe
Merk dir den Satz. Denn wir haben etliche Zahnräder im Körper, darum arbeitet auch Jod nie allein. Und das ist vielleicht ein ganz wichtiger Punkt, der bei dieser ganzen Jod-Diskussion fast immer vergessen wird. Es heißt ja Stoffwechsel, weil alles miteinander interagiert. Das sind keine isolierten Bausteine, das sind Zahnräder.
Wenn ein Zahnrad fehlt oder klemmt, dann steht das ganze Getriebe. Ein Beispiel: Du kannst noch so viel Jod aufnehmen, wenn dir Selen fehlt, bringt es dir nur die Hälfte. Selen wird gebraucht, um das Schilddrüsenhormon T4 in das aktive T3 umzuwandeln, und Selen schützt die Schilddrüse, wenn Jod umgesetzt wird, vor oxidativem Stress.
Ohne Selen ist Jod sogar potenziell problematisch. Tyrosin brauchst du als Aminosäure, sonst kann gar kein Schilddrüsenhormon gebaut werden, egal wie viel Jod du hast. Eisen ist beteiligt, Zink ist beteiligt, Vitamin D, Vitamin A, sogar Vitamin C spielen mit, B-Vitamine auch. Und wenn dein Darm nicht funktioniert, dann nimmst du nichts davon richtig auf.
Ich sehe immer wieder Frauen in der Beratung, deren Jodwert ordentlich aussieht, aber sie sind müde, verlieren Haare, sie frieren, und wenn man dann genauer hinschaut, fehlen ganz viele andere Stoffe. Das Jod war dann gar nicht das Problem. Wer sich nur auf eine Stellschraube stürzt und alles andere weglässt, der riskiert Schaden statt Nutzen.
Das gilt für jeden Mikronährstoff, aber beim Jod ist es irgendwie besonders heikel, weil die Schilddrüse so reaktiv ist und weil ein Zuviel oder ein zu schneller Anstieg ihr tatsächlich wehtun kann.
Die drei wichtigsten Erkenntnisse zum Jodmangel
Also bitte nicht einfach alles undifferenziert glauben und abspeichern, was du irgendwo liest. Ich möchte dir gerne noch mal drei Sätze mitgeben.
Erstens: Viel hilft fast nie viel. Beim Jod schon gar nicht. Hochdosierte Tropfen aus der Pipette sind kein Wellness-Boost. Sie sind ein potenzielles Risiko für deinen Körper, gerade wenn du nicht weißt, was deine Schilddrüse macht. Zweitens: Referenzwerte sind nie individuell. Der grüne Bereich ist kein Freibrief.
Wenn du dich schlecht fühlst, obwohl dein Laborzettel okay aussieht, dann ist dein Gefühl definitiv relevanter als der Wert. Drittens: Jod ist ein Teamplayer, kein Solospieler. Ohne Selen, Tyrosin, Eisen, Zink und Co. läuft nichts rund. Wer das ignoriert, dreht an einem einzelnen Zahnrad und wundert sich, dass das Getriebe trotzdem hakt oder der Motor sogar ausfällt.
Wenn dich diese Folge also auf eine Frage gebracht hat, dann vermutlich die: „Was steht eigentlich auf meinem Laborzettel und was bedeutet das für mich?“ Ja, genau dafür hab ich meinen Schilddrüsenwerte-Guide gemacht. Ich gehe darin die Schilddrüsenwerte einzeln mit dir durch. Du erfährst, was die Zahlen wirklich aussagen und was oft viel wichtiger ist als die einzelnen Werte.
Denn du kannst alles ändern, was du willst, aber du musst zuerst verstehen, was deine Werte dir wirklich sagen. Wenn dir diese Folge etwas gebracht hat, dann tu mir einen Gefallen: Schick sie weiter. An deinen Partner, an deine Schwester, an die Kollegin, die seit Jahren mit diesen Themen kämpft.
Und wenn du magst, lass eine Bewertung da. Das hilft anderen, die sich gerade allein durchs Internet wühlen.
Und wir hören uns in der nächsten Folge.



